1. – 13. Schuljahr

Ismail H. Yavuzcan

Begegnung mit dem Fremden

Soziologische und kulturhermeneutische Aspekte Muslime und Nicht-Muslime lernen am Fremden

Die Muslime in Deutschland stehen vor der Herausforderung, eine Rolle für den Islam und für sich außerhalb der klassischen islamischen Länder, des dar al Islam, zu definieren. Sie müssen sich in „dreierlei Hinsicht neu verorten  − in Bezug auf das Einwandererland, in Bezug auf das Herkunftsland und in Bezug auf den globalen Islam (bzw. die umma) (Schifauer, 2004:347).

Von außen werden „die Muslime gern als ein monolithischer Block betrachtet. Menschen mit einem muslimischen Hintergrund  – ohne Berücksichtigung ihres Verhältnisses zum Islam werden gern auf ihre muslimische Identität reduziert. Vermeintlich werden sogar viele als Experten für den Islam herangezogen. Doch viele von ihnen sind religiöse Analphabeten.
Muslime wie auch Christen müssen sich im Kontext von Säkularisierung und Modernisierung immer wieder neu verorten, aber auch ihr Verhältnis zueinander abstimmen. Neben einer inklusivistischen Herangehensweise, nach der eher die Gemeinsamkeiten betont werden, gibt es auch andere Standpunkte: „Es gibt eine Tradition (auf beiden Seiten) nach der ein vorgeblich ‚islamisches und ein vorgeblich ‚christlich-jüdisches Wertverständnis in einen Antagonismus zueinander gesetzt werden (Schifauer. 2004:347). Im schulischen Kontext stellt sich dabei die Aufgabe, beide Traditionen gebührend zu berücksichtigen und sie kritisch zu bewerten.
Denken und Begegnen im Pluralen
In den genuin muslimischen Ländern wird gern Nation und Islam zusammengefasst, daraus entwickeln sich Syllogismen wie „der arabische Islam, „der türkische Islam. Diese Identifikation bricht mit der Migration auf und wird nicht mehr selbstverständlich, auch wenn bestimmte Ethnien unterschiedlich in Europa verteilt sind (Muslime aus Nordafrika in Frankreich, Muslime aus dem indischen Subkontinent in England, türkischstämmige Muslime in Deutschland) leben und somit zu einer Reethnisierung beitragen, leben doch viele Muslime gemeinsam: Türken, Bosniaken, Araber etc. Dies bringt für die Muslime aber mit sich, dass sie sich z.B. für den 11. September, die Burka, Steinigung und Körperstrafen etc. gemeinsam verantworten müssen. Entsprechend müssen Muslime gemeinsame Positionen erarbeiten, sich ggfls. über ethnische Grenzen hinweg zusammenschließen, wie dies zum Beispiel im Fall des Koordinationsrates der Muslime (KRM) der Fall ist.
Auf der anderen Seite gibt es wenig theologische Expertise auf muslimischer Seite. Dies ist vor allem dem Migrationsprozess geschuldet, der vornehmlich Arbeitskräfte aus bildungsfremden Schichten nach Deutschland und Europa geführt hat. Entsprechend verfügen Muslime nicht über die islamischen Bildungsinstitutionen, wie die Madrasas oder die theologischen Fakultäten, wie man sie in der islamischen Welt vorfindet. Die Errichtung von Zentren für islamische Theologie in Deutschland stellt entsprechend eine „bemerkenswerte Entwicklung (Ucar/Saglam, 2012:13) dar und ihre Folgen sind kaum abzuschätzen.
Das Bild des Islam in Europa ist durch gegensätzliche Strömungen und Richtungen charakterisiert. Neben der konstatierten pluralen Identität oder Multivokalität beziehen sich die Stimmen und Positionen aufeinander, ergänzen oder widersprechen sich (Schifauer, 2004:348). Daraus, dass sich Muslime auf unterschiedliche Art und Weise zu verorten versuchen, entstehen verschiedene Antworten, aber auch verschiedene Erwartungen. Medien und Politik wirken auch auf diese ein. Politiker z.B. äußern die Hoffnung, dass der Islamunterricht verhindern kann, dass sich jugendliche Muslime radikalisieren. Die Kirchen begrüßen die Einführung des IRU, auch als Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung von religiösen Angeboten (Kiefer, 2005:104ff.). Medien wiederum berichten kritisch über die verschiedenen Projekte und Modellversuche.
Gefahren für das Miteinander
In Zeiten...

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