1. – 13. Schuljahr

Manfred Oeming

Der fremde Nächste

Zum Umgang mit Ausländern im Rahmen alttestamentlicher Ethik

Der Umgang mit Migranten und Asylsuchenden ist ein zentrales Problem der Gegenwart, das Wahlen entscheidet, ja sogar die gesamte Kultur und Werteordnung des christlichen Abendlandes insgesamt (neu) fordert und leider auch tief spaltet. Manfred Oeming zeigt, wie die grundlegend fremdenfreundliche Grundhaltung der Bibel in theologischen Überlegungen wurzelt und wo sie ihre Grenze hat.

Die notwendige Stimme der Bibel im gegenwärtigen politischen Streit
Nach UN-Angaben waren Ende 2015 ca. 65,3 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Die Fluchtursachen sind zahlreich: Krieg, Gewalt und Terror, Naturkatastrophen, Hungersnöte und die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Wie soll man mit diesen vielen Menschen verantwortlich umgehen? Primär sind hier natürlich die staatliche Politik, die Wirtschaft und die internationalen Hilfsorganisationen gefragt, aber auch jeder Einzelne muss sich seine Meinung bilden und entsprechend handeln. Die Exegese biblischer Texte kann angesichts dieser bedrängenden Anforderungen zur ethischen und politischen Urteilsbildung beitragen.
Wer die ganze Bibel nach Auskünften über den Umgang mit Fremden durchsucht, wird zunächst feststellen, dass das NT in der Fragestellung nicht sehr ergiebig ist. Die Nationalität und Eigentum spielen in Christus gerade keine Rolle mehr. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier; hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus (Gal 3,28). In dieser internationalen Verbundenheit der „klassenlosen Kirche wird die ethische Mahnung zur allgemeinen Gastfreundschaft als ein Dienst direkt an Christus selbst verstanden (vgl. Mt 25,35 „Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen) und avanciert zu einer Kardinaltugend („Die Gastfreundschaft vergesst nicht! Denn dadurch haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. (Hebr 13,2)
Unsere heutige Diskussion findet aber im Rahmen von Nationalstaaten und weltweit konkurrierender Volkswirtschaften statt. Die Frage z.B., ob es eine „Obergrenze für die Zuwanderung von Fremden geben darf oder muss und wie viel Fremdes ein Volk ohne Gefährdung des inneren Friedens verkraften kann, wirft komplexe ethische, rechtliche, ökonomische und psychologische Probleme auf. Für diese Fragen findet man im AT wichtige Orientierungspunkte. Denn das Verhältnis von Eigenem und Fremdem, die Schwierigkeit, als Fremder in einer (oft feindlichen) Gastgebergesellschaft zu leben ist so kann man ohne Übertreibung sagen ein Grundproblem der Geschichte Israels und der Theologie und Ethik des ATs.
Drei theologische Argumente für eine grundsätzliche Fremdenfreundlichkeit
a. Das Wesen Gottes
Im Deuteronomium findet sich die entscheidende Argumentationsfigur:
Denn der Herr, euer Gott, ist der Gott über den Göttern und der Herr über den Herren. Er ist der große Gott, der Held und der Furchterregende. Er lässt kein Ansehen gelten und nimmt keine Bestechung an. Er verschafft Waisen und Witwen ihr Recht. Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen. (Dtn 10,17-19)
Grundlegend auch für die politische Moral und die Wirtschaftsethik maßgeblich ist das Wesen Gottes. Gott übersteigt Grenzen; er ist der universale Gott. Dieser Höchste wendet sich erstaunlicherweise intensiv den Niedrigsten zu. Er liebt Menschen in Not: die elternlosen Kinder, die Frauen ohne den Schutz eines Ehemanns und die Fremden ohne Landbesitz, ohne Sicherheiten und Rechte. Der Ausdruck „Gott liebt die Fremden ist sehr stark und einprägsam. „Lieben ist im Dtn sowohl ein Gefühl tiefer Zuneigung als auch eine Art von rechtlicher Selbstverpflichtung. Dieses Gottesbild ist Orientierung und Maßstab für die Gemeinde: „auch ihr sollt die Fremden lieben. Die Imitatio Dei ist ein Grundgesetz, zumal Israel aus eigener...

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