11. – 13. Schuljahr

Moritz Heger

Die Tyrannei des Einen Rings

Lessings Ringparabel im Religionsunterricht

Am Höhe- und Wendepunkt von Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise (1779) findet sich einer der berühmtesten und klassischsten Texte der deutschen (und Welt-)Literatur: die Ringparabel. Als vor ein paar Jahren erwogen wurde, genau drei Texte (und nicht nur Autoren) für den Deutschunterricht an baden-württembergischen Gymnasien verbindlich zu machen, war sie dabei, neben „Faust und dem Nibelungenlied, beides in Auszügen. Aber während bei „Faust die darin zu findenden religiösen und theologischen Positionen in der Regel mit einer gewissen Distanz betrachtet werden, führt die Behandlung der Ringparabel gern zu Religionsunterricht im Deutschunterricht, mehr noch: Diesen Text lässt man im säkularen Rahmen predigen wie in Religion kaum einen frommen.

Das ist auch gut so, werden viele sagen. Scheint die Ringparabel doch ein Container für etwas Zentrales und Dringliches unserer Gesellschaft: (inter-)religiöse Toleranz. Wo es so klar aufs Richtige hinauszulaufen scheint, wirkt es beckmesserisch, an Details hängen zu bleiben. Diese Einheit für den evangelischen Religionsunterricht will dennoch genauer hinschauen auch auf Offenes und Spannungsvolles.
Nicht zuletzt um der Ringparabel selbst willen. Gut aufklärerisch soll mit den Schülerinnen und Schülern näher ausgeleuchtet werden, was und das ist auch im Religionsunterricht zu würdigen zuallererst Kunstwerk, literarische Parabel im Rahmen eines „dramatischen Gedichts, ist. Das gilt unbeschadet dessen, dass Lessing selbst beim Schreiben der Hoffnung Ausdruck gab, dass man ihn mit dem Stück „auf seiner alten Kanzel, auf dem Theater, wenigstens noch ungestört will predigen lassen (Lessing 1778 an E. Reimarus, zitiert nach: Bernhardt, S. 54), nachdem über seine Veröffentlichungen „in Religions-Sachen aufgrund des sog. Fragmentenstreits mit Goeze vom Braunschweiger Herzog die Zensur verhängt worden war.
Die Ringparabel ist mithin entstanden in einer Situation, in der Geist Macht klug unterlaufen musste. Dies spiegelt sich im szenischen Kontext des Dramas wider, spielt der weise Nathan sie doch zum Kindermärchen (V. 1890) herunter, mit dem er der Falle des Sultans entgehen möchte, der ihm vordergründig die Frage nach dem einleuchtendsten Glauben stellt (V. 1840f.), dahinter aber das Ziel verbirgt, „Geld zu fischen (V. 1742). Die subversive Tendenz der Erzählung, die Schüler/innen ansprechen kann, soll deutlich werden durch eine Skizze ihres Sitzes im Drama in gebotener Knappheit.
Nachdem das „Geschichtchen (V. 1905) als Ganzes zu Gehör gebracht wurde, wenden wir uns zentralen Aussagen und ihrem Spannungsfeld zu. Die Definition von Religion, die Nathan und mit ihm Lessing metaphorisch gibt, als „geheime Kraft, vor Gott/Und Menschen angenehm zu machen, wer/In dieser Zuversicht ihn (den Ring mit dem Opal) trug (V. 1915ff.), hat es in sich, ebenso wie natürlich am Ende Spruch und Rat des Richters – es gibt hier ja gleich zwei Doppelstrukturen, erst diese verschiedenen Sprechakte, dann tritt zum „(b)escheidne(n) Richter noch „über tausend tausend Jahre ein eschatologischer, „(e)in weisrer Mann (V. 2050ff.). Mit der Frage nach der Wahrheit geht die Parabel sehr differenziert um; ein Hauptziel der Unterrichtseinheit liegt darin, mit Schülerinnen und Schülern die Frage(n) zu klären und nicht gleich, diese oder jene, Antwort zu geben. Dabei hilft die Einführung der nicht nur theologiegeschichtlich bedeutsamen Begriffe (Deismus, natürliche vs. positive Religion, Vernunft- vs. Offenbarungsreligion).
Nach dem Aufrauen des heute inflationär und oft unscharf gebrauchten Begriffs Toleranz im Drama selbst kommt „tolerant nur einmal vor, in abwertendem Kontext (V. 2779) dient die Auseinandersetzung mit einer Rede von Wolfgang Huber dazu zu diskutieren, inwiefern die Ringparabel als evangelischer Text gelten kann. Was ist überhaupt evangelisch?...

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