1. – 13. Schuljahr

Annette Scheunpflug

Globales Lernen im Klassenzimmer

„Dem Fremden begegnen dieses Heftthema impliziert nicht nur den interkulturellen und den interreligiösen Dialog, die Frage nach Begegnungsdidaktik, den psychologischen Aspekten des Umgangs mit Fremdheit, den Umgang mit Religionen, Vielfalt und dem Andren, sondern letztlich auch eine umfassende Didaktik der Globalisierung. Damit meine ich eine reflexive Vorbereitung von Schülerinnen und Schülern auf den schnellen sozialen Wandel, d.h. jenen Veränderungen, die mit der Globalisierung einhergehen und eine wesentliche Ursache für die Begegnung mit dem Fremden darstellen.

Die Schwierigkeiten der Flüchtlingspolitik, des Umgangs mit Migration und die Herausforderungen im Hinblick auf die Bekämpfung der Fluchtursachen, den politischen Ambivalenzen in diesem Feld und dem Hang zur kommunikativen Vereinfachung und fundamentalistischen Reaktionen zeigen, dass das globale Lernen als didaktisches Konzept der Reaktion auf diese Form des gesellschaftlichen Wandels nötiger denn je ist: Die Welt ist global vernetzt und wird kontinuierlich globaler. Die Anzeichen dafür gehen über Migration und Flucht weit hinaus.
Was ist die zentrale Herausforderung für das globale Lernen und was bedeutet dies didaktisch für die Arbeit im Klassenzimmer? Auf diese Fragen sollen im Folgenden ein paar Schlaglichter geworfen werden, freilich ohne Anspruch auf hinreichende Tiefe sowohl in der theoretischen Reflexion der damit verbundenen Probleme als auch der didaktischen Konkretisierungen (vgl. dazu ausführlich Scheunpflug 2011; Krogull 2015).
Die Globalisierung als Lern-Herausforderung
Der Sozialphilosoph Niklas Luhmann hat schon in den 1970er-Jahren beschrieben, dass die heutige Gesellschaft von ihrem Charakter her als Weltgesellschaft zu verstehen sei, da gesellschaftliche Kommunikation heute nicht mehr unabhängig von weltgesellschaftlichen Zusammenhängen möglich ist. Seine zentrale These lautet, dass jede Gesellschaft heute Weltgesellschaft ist, weil sie immer auch Teil eines globalen Kontextes ist. Entsprechend gibt es für Gesellschaften heute kein „Außen mehr, von wo aus die Welt als ein Ganzes beobachtet werden könne (vgl. Luhmann 1975). Die Entwicklung zur Weltgesellschaft und die damit verbundenen Prozesse der Globalisierung sind auch nicht als Weltenstaat oder Weltenorganisation beobachtbar. Vielmehr ist sie nur im Besonderen ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Vielfalt zu erkennen. Sie ist in sich fragmentiert und betrifft Menschen in sehr unterschiedlichen Dimensionen; die Partizipation an ihr ist sehr ungleich. Sie hat sich nicht intentional so entwickelt. In ihrer abstrakten Gestalt hat sie jedoch für alle spürbare Auswirkungen. Die sogenannte „Flüchtlingskrise ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel.
Was heißt dies für Lernen? Diese Entwicklung führt zu sehr unterschiedlichen Lernherausforderungen. Es wird notwendig zu lernen, mit den Folgen der Globalisierung umzugehen, d.h. eine abstrakte Form des Sozialen zu lernen, Vorurteilen kritisch zu begegnen, globale Solidarität zu üben, mit kultureller und religiöser Vielfalt umgehen zu können, zwischen sprachlichen Registern zu wechseln und sich in unterschiedlichen Sprachen angemessen ausdrücken zu können. Damit werden auch Herausforderungen im Umgang mit sozialen Medien und dem Internet markiert. Es bedeutet Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu erfahren, ohne dass diese auf Kosten anderer gehen. Und es bedeutet, gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Zusammenhänge in einem globalen Horizont vor der Perspektive globaler Verantwortung wahrzunehmen, zu beurteilen und sich entsprechend verhalten zu können (vgl. ausführlich Scheunpflug 2011).
Dieses ist für das steinzeitlich geprägte Nahbereichswesen Mensch eine Herausforderung. Schließlich sind wir auf das Leben in Familien und sinnlich erfahrbaren Gemeinschaften evolviert. Menschen ist die Unterscheidung zwischen ingroup und outgroup...

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