5. – 13. Schuljahr

Volker Hassenpflug

Unterricht mit jugendlichen Flüchtlingen

Auf dem Weg zur Pluralitätsfähigkeit

Viele junge Menschen kommen als Flüchtlinge nach Deutschland. Sind sie noch schulpflichtig, aber nicht dem System der allgemeinbildenden Schulen zuzuführen, so führt ihr Weg in die Berufsschule. Dort sollen sie vorbereitet werden für den Besuch einer Regelklasse. Das bedeutet zunächst, Deutsch zu lernen, dann aber auch, tolerierte Handlungsmuster und Umgangsformen an deutschen Schulen und überhaupt der Kultur dieses für sie fremden Landes zu begreifen also: Integration.

Als im Laufe des Jahres 2015 viele Flüchtlinge zu uns kamen, wurden Flüchtlingsklassen gebildet und für diese viele Lehrer und Lehrerinnen zusätzlich angestellt. An Berufsschulen werden in den meisten Fällen die SuS in RU nicht konfessionell getrennt, sondern im Klassenverband unterrichtet. So begann mein Unterricht in Klassen mit jugendlichen Flüchtlingen.
Der folgende Beitrag reflektiert Möglichkeiten, Chancen und Herausforderungen eines solchen Unterrichts und bietet zudem zwei Bausteine für den Einsatz in Flüchtlingsklassen.
Die Herausforderung im Allgemeinen
Warum eigentlich Religionsunterricht in Flüchtlingsklassen oder Klassen mit jugendlichen Flüchtlingen? Warum gerade ich als Pfarrer? Überhaupt: Wie werde ich meinem Auftrag als evangelischer Pfarrer gerecht? Wären Sprachlehrer und Sprachlehrerinnen nicht besser? Fragen über Fragen, mit denen ich mich auseinandersetzen musste, als 2015 zum Beginn des neuen Schuljahres sechs Klassen mit jugendlichen Flüchtlingen an meiner Schule eingerichtet wurden. Im Kollegium herrschte die allgemeine Stimmung, dass alle mit anpacken müssen. Manche taten sich mehr hervor, andere weniger. Die Vorstellung, Religionslehrer/innen, oder mehr noch Pfarrer/innen seien als Experten für Zwischenmenschliches und für den menschlichen Umgang mit Fremden besonders geeignet für den Unterricht in Flüchtlingsklassen, führte dazu, dass viele meiner Religionskolleginnen und -kollegen in diesen Klassen eingesetzt wurden. Ich war neugierig und freute mich auf die Begegnung. An Berufsschulen wurden von staatlicher Seite Materialkisten verteilt mit geeigneten Unterrichtsmaterialien für den Spracherwerb und erste Schritte in Richtung Integration. Viele Lehrer und Lehrerinnen wurden eingestellt, manche von ihnen mit ersten Staatsexamen, manche mit zweiten, einige Sozialarbeiter. Im Saarland werden aktuell Verordnungen für den Unterricht mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund neu durchbuchstabiert, andere Bundesländer haben das bereits getan oder sind auch dabei. Rückblickend auf den Unterricht mit jugendlichen Flüchtlingen in den Jahren 2015 und 2016 kann ich bilanzieren, dass unter hohen persönlichen Einsatz vieler Menschen einen beachtenswert großen Beitrag für die Bildungsziele Integration, Pluralitätsfähigkeit und Toleranz geleistet haben und noch leisten.
Die Herausforderung im Besonderen
Was will ich erreichen? Vor mir eine Klasse aus 13 bis 15 jungendlichen Flüchtlingen. Sie kommen aus Eritrea, Somalia, dem Libanon, Iran, vor allem aber aus Syrien und Afghanistan. Viele sind Muslime, einige Christen, wenige sind Jesiden oder Buddhisten. Sie wissen nichts vom deutschen Schulsystem, und mache haben die Vermutung, sie gehen jetzt in die Schule, um Deutsch zu lernen und dann in ein paar Monaten z.B. als Schreiner zu arbeiten. Deutsch sprechen sie seit ein paar Monaten. Erlebt haben sie sehr Unterschiedliches, von gefährlichen Mittelmeerüberquerungen, Familientragödien, Gefängnisaufenthalten, dem Sterben von Mitreisenden bis hin zum hilfreichen Handeln vieler Menschen auf dem Weg hier her. Manche wohnen bei ihrer Familie, die meisten in Einrichtungen zur Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. Sie haben alle ein Handy, mit dem sie ihre Betreuer anrufen können, wenn sie etwas nicht verstehen. Manche können auf Arabisch miteinander kommunizieren, manche auf Englisch. Manche können...

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