7. – 10. Schuljahr

Christian van Randenborgh

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf

Digitale Medien nutzen, um den theologischen Kerneines Gleichnisses zu finden

Schülerinnen und Schüler ab der 7. Jahrgangsstufe sollen bei einer Analyse des Gleichnisses vom verlorenen Schaf durch digitale Medien unterstützt werden. Sie können dabei einerseits Grundzüge des synoptischen Vergleichs erlernen, ihre Methoden- und Medienkompetenz erweitern und andererseits die aktuelle Relevanz eines biblischen Gleichnisses beurteilen lernen.

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf kommt im Neuen Testament nur bei Mt 18,12-13 und Lk 15,4-7 vor und wird in der Regel der Logienquelle Q zugeordnet (z.B. Oveja 2007; Konradt 2015). Die Untersuchung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede führt zum jeweiligen theologischen Kern der Erzählung. Luz (2016, S. 28) hebt hervor: „Die Überlieferungs- und Auslegungsgeschichte der Parabel ist ein Musterbeispiel dafür, wie durch andere Akzentuierungen neue Sinnpotenzen entdeckt werden können. Diese „Sinnpotenzen sollen im Unterricht entdeckt werden.
Die Konzeptionsidee
Neben den sog. Wachstumsgleichnissen (vgl. Mk 4) sind die Gleichnisse vom Verlorenen (Lk 15) zentraler Bestandteil eine Beschäftigung mit der Gattung Gleichnisse und der inhaltliche Zugang zu Jesu Reich-Gottes-Botschaft. Die in den Texten kurz skizzierte Situation ist auch für heutige Schülerinnen und Schüler gut zugänglich. Besonders die Gegenüberstellung von einem einzelnen Schaf und 99 Schafen ist dieser Altersstufe auch unter Rückbezug zum Prozentbegriff (1% der Herde) vermittelbar.
Hier setzt die vorgestellte Unterrichtseinheit an. Über die Bedeutung von einem einzigen Prozent wird die wesentliche Gemeinsamkeit des Gleichnisses bei Lk, Mt und dem Thomas-Evangelium erschlossen. Markante Unterschiede sollen dann über die Analyse eines Zeichentrickfilms erarbeitet werden, indem die SuS einerseits die Aussagen des jeweiligen biblischen Textes vertiefen und anderseits die filmische Darstellung kritisch hinterfragen. Dadurch wird das genaue Betrachten der einzelnen Bibelverse, das methodisch durch den synoptischen Vergleich unterstützt wird, wichtig. Als Vertiefung der gewonnen theologisch-inhaltlichen Erkenntnisse und einer intensiveren Einübung der individuellen Urteilskompetenz kann z.B. eine Auseinandersetzung mit aktuellen musikalischen oder künstlerischen Werken, wie die von Ai Weiwei, angeboten werden.
Ein Schaf zwei Akzente
In Mt 18,12 geht es um ein verirrtes Schaf, in Lk 15,4 hingegen geht es um ein verlorenes Schaf. Es geht zwar um den gleichen Sachverhalt, dass 1 Schaf von 100 Schafen nicht mehr bei der Herde ist, aber die Perspektive ist schon am Anfang unterschiedlich. Hervorzuheben ist außerdem, dass es bei beiden Textstellen um einen Menschen geht, der diese Herde besitzt. In vielen Kommentaren wird allerdings von einem Hirten gesprochen. Doch im biblischen Text geht es zumindest explizit – nicht einfach um einen Hirten. Dieses fällt besonders auf, wenn man das Thomasevangelium (107) hinzuzieht, bei dem von einem Hirten gesprochen wird. Es geht bei den neutestamentlichen Texten zentral um einen Besitzer und seinen Besitz, nicht so sehr um die Aufgabe des Hirten, das Hüten von Schafen. Dadurch tritt das Zahlenverhältnis 1 und 99 bzw. 1% und 99% der Herde klar hervor und die Frage ist eher diese: Ist es ökonomisch sinnvoll, wegen 1% des Besitzes 99% zu vernachlässigen? Ein Blick ins Alte Testament zeigt, dass in Ez 34 Gott (JHWH) der Schafsbesitzer ist und seine Schafe selbst sucht, da die Hirten ihre Aufgaben nicht erledigen. Diese schlechten Hirten werden dort unter anderem dadurch charakterisiert, dass sie verirrte Schafe („das Verirrte) nicht zurückholen und verlorene Schafe („das Verlorene) nicht suchen. In der Septuaginta werden hier die gleichen griechischen Worte gebraucht wie bei Mt bzw. Lk.
Im Verlauf des Gleichnisses vom verirrten bzw. verlorenen Schaf wird in beiden Texten dargestellt, was beim...

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