10. – 13. Schuljahr

Andreas Reinert

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

Gnade, Rechtfertigung und Menschenwürde

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) ist anschlussfähig und produktiv für viele Themen in Unterrichtseinheiten der Kursstufe. Innerhalb der Anthropologie können die Themen „Freiheit und „Menschenwürde, innerhalb der Christologie die „Rechtfertigung des Gottlosen aufgerufen werden. Innerhalb der Gotteslehre geht es um das im Gleichnis vermittelte Gottesbild des „gnädigen Vaters, innerhalb der Unterrichtseinheit „Gerechtigkeit um das Spannungsverhältnis zwischen „(menschlicher) Gerechtigkeit und (göttlicher) Gnade.

In dieser kleinen Unterrichtssequenz zum „Gleichnis vom verlorenen Sohn, das man auch das „Gleichnis vom gnädigen Vater nennen könnte, habe ich drei Schwerpunkte gesetzt: Erstens das Thema von der „Rechtfertigung des Gottlosen1, die m.E. in diesem Gleichnis zentral ist; sie ist schon in manchen schönen Unterrichtsentwürfen immer wieder dargelegt worden, kann aber auch noch einmal neu betrachtet werden. Zweitens spielt in diesem Gleichnis das „jesuanische Gottesbild, das sich in diesem Gleichnis ausdrückt wie wohl in keinem zweiten, eine große Rolle. Und drittens möchte ich das Thema der „Menschenwürde ansprechen, einem eher wenig beachteten Aspekt in der Auslegung dieses Gleichnisses.
Selbstverständlich gibt es eine Vielzahl weiterer Aspekte, die hier nicht behandelt werden, gleichwohl aber sinnvoll2 und in anderen Veröffentlichungen auch sehr gut aufbereitet sind3. In der Beschäftigung mit diesem Gleichnis über viele Jahre hinweg sind mir persönlich jedoch die drei genannten Aspekte immer wichtiger geworden.
Unterrichtsbausteine
Baustein1:
Baustein 1: Das Gleichnis genau anschauen Zugänge 1 DS
In der Regel ist davon auszugehen, dass die SuS das Gleichnis kennen. Dennoch ist es sinnvoll, sich den Text genau anzuschauen, denn unterhalb der Oberfläche ergibt sich eine Vielzahl von Eindrücken, die für die Auslegung relevant werden können und die die SuS oft erst bei intensiver Bearbeitung erkennen. Hier eine kleine Zusammenstellung möglicher Zugänge, die je einzeln oder kombiniert angewendet werden können.
Zugang 1: Lesen. In der Kursstufe des Gymnasiums ist es sinnvoll, den Text zunächst aufmerksam gemeinsam zu lesen. Gute Erfahrungen habe ich damit gemacht, verschiedene Übersetzungen und Übertragungen heranzuziehen, die von vier SuS gelesen werden. Die SuS sollen dabei genau auf die Unterschiede achten. Am Anfang steht immer das Gleichnis in der Übersetzung Martin Luthers, die nach wie vor brillant ist. Diese kann ergänzt werden durch die Lesung der „Geschichte von den zwei Söhnen in der Volxbibel4 und einer Kinderbibel, z.B. der Ausgabe von Werner Laubi und Annegert Fuchshuber5 sowie der sog. „Bibel in gerechter Sprache6. Der Vorteil solch unterschiedlicher Übersetzungen leuchtet sofort ein, wenn man die Unterschiede anschließend im Plenum sammelt, am besten mit einer Mindmap, die nach den theologischen Begriffen sortiert wird.
Zugang 2: Perspektivenübernahme. Die SuS werden in fünf Gruppen eingeteilt, bevor die Lehrkraft das Gleichnis vorliest (Luther-Übersetzung). Die Gruppen nehmen die Positionen der folgenden Personen ein: Vater, verlorener Sohn, älterer Sohn, Mutter, Knechte. Sie tragen nach dem Vorlesen ihre Ansichten/Argumente/Vorwürfe zusammen und halten diese fest. Dadurch versuchen sie die Person, die sie beschreiben, zu charakterisieren. Diese Perspektivenübernahme kann auch durch Zugang 3 noch ergänzt oder vertieft werden.
Zugang 3: Szenisches Spiel. Die SuS werden in fünf Gruppen (Vater, Mutter, verlorener Sohn, älterer Sohn, Knechte) eingeteilt. Das Gleichnis wird von L vorgelesen bis zum Schluss. Anschließend überlegen sich die Gruppen, wie die Geschichte weitergehen könnte und wie sie jeweils argumentieren wollen. Dann wird die Fortsetzung des Gleichnisses in verteilten Rollen gespielt. Alternativ kann das Gleichnis auch nur bis zur...

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