1. – 13. Schuljahr

Hartmut Rupp

Das große Geheimnis

Das Reden von Gott in Gleichnissen des Lukasevangeliums

Was ein Geheimnis ist, bedarf der Klärung. Ist es etwas, das man ganz für sich behalten will, oder ist es etwas, das man jemandem ganz vertraulich sagt, der oder die es für sich behalten soll? Ist es etwas, zu dem man einfach keinen Zugang finden kann und das deshalb ein Rätsel bleibt, oder ist es etwas, das man zwar kennen kann, das aber letztlich unzugänglich bleibt? Das Reden von Gott in den Gleichnissen Jesu neigt der vierten Position zu. An Beispielen des großen Erzählers Lukas soll dies begründet werden.

Die Gleichnisse vom Verlieren und Finden
Das Zentrum des Lukasevangeliums bildet die Gleichnistrilogie vom Verlieren und Finden (Lk 15,1-32). Die Gleichnisse vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Drachme und dem verlorenen Sohn bilden einen Zusammenhang, die drei bilden ein Gleichnis (Lk 15,3). Der lukanische Jesus erzählt die fiktiven metaphorischen Geschichten „Zöllnern und Sündern sowie „Schriftgelehrten und Pharisäern.1 Beide Gruppen will er durch die Erzählung an der Freude über die Wiederherstellung einer Gemeinschaft teilhaben lassen und dadurch für eine veränderte, neue Gottes-, Selbst- und Weltsicht gewinnen. Beide Gruppen spricht er zwischendurch direkt an (Lk 15,7.10). Während die einen angeregt werden, sich mit den Verlorenen zu identifizieren, wird den anderen nahegelegt, sich in den Suchenden wiederzufinden und die Position des älteren Sohnes zu verlassen.
Die Geschichten und ihre Figuren sind den Angesprochenen durch die sozioökonomischen und gesellschaftlichen Lebensverhältnisse ihrer Zeit vertraut. Doch die Figuren und ihr Handeln haben einen Mehrwert. Sie weisen über sich hinaus und enthalten „Transfersignale. Sie weisen vor allem auf eigene Erfahrungen, die die beiden Adressatengruppen mit Jesus gemacht haben. In dem Handeln des Hirten (eigentlich „Mensch), der Frau und des Vaters kann man die Zuwendung Jesu zu Zöllnern und Sündern wiedererkennen, in den freudigen Festen seine Mahlgemeinschaften. In den 99 Schafen und dem älteren Sohn kann man unschwer die Pharisäer und Schriftgelehrten erkennen.
Doch es gibt noch weitere, darüber hinaus führende Signale. Die drei Hauptfiguren weisen zugleich auch auf Gott. Aus den Gleichnissen werden „theologische Gleichnisse. Dabei operieren sie mit vertrauten Bildern. Dass der Hirte ein Bild für Gott ist, der seine Herde sammelt (vgl. Jer 31,10; Hes 34,11-13.16), weiß hier jeder, ebenso dass Gott als Vater angesprochen werden kann (vgl. 2. Sam 7,14; Ps 89,27). Dass Gott aber als arme Frau beschrieben wird, hat zwar biblische Bezüge (z.B. Ps 49,15), ist aber ungewöhnlich und unterbricht die Reihe männlicher Gottesbilder. Mit einem einzigen Bild lässt sich das „große Geheimnis offenkundig nicht erfassen. Bei aller Vertrautheit fallen sie zudem irgendwie aus dem Rahmen. Der „Mensch lässt die 99 Schafe in der Einöde zurück, offenbar ohne sich weiter um sie zu kümmern  – zumindest wird davon nichts erzählt. Ob da wirklich alle so ohne weiteres zustimmen können? Die Frau durchsucht systematisch das dunkle Haus, um die eine, fast wertlose Drachme zu finden. Der Vater schließlich ist über die Maßen großzügig, so dass man an seinem Realitätssinn zweifeln möchte. Die Frage bleibt, ob die Wiederaufnahme des Sohnes als Sohn gerecht ist und dem Recht entspricht.
Hinzu kommt, dass es auf der theologischen Ebene einige Spannungen und Uneindeutigkeiten gibt. Jesus deutet die gemeinschaftliche Freude über den glücklichen Fund des 100. Schafes und der zehnten Drachme als Freude über einen Sünder, der Buße tut (Lk 15,7.10). Erkennbar bereitet dies das dritte Gleichnis vor. Doch weder Schaf noch Drachme kehren um. Bei dem dritten stellt sich die Frage, ob das Sündenbekenntnis des jüngeren Sohnes Voraussetzung für die Aufnahme durch den Vater ist. Wie ist Buße nun zu verstehen? Und überhaupt: Ist der „Mensch der Besitzer der Schafherde oder ein...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen