1. – 13. Schuljahr

Michael Tilly

„Habt ihr das alles verstanden?

Gleichnisrede als Rede von Gott

Ein grundsätzliches Problem der aktuellen Gleichnisforschung besteht in der Frage, ob in den Gleichnisreden Jesu objektivierbare Aussagen über Gott und die Welt zur Sprache kommen oder ob sie erst im Moment ihres Lesens und Hörens „Sinn machen. Dienen sie vor allem der Belehrung, der Bekehrung oder sollen sie in erster Linie neue Sichtweisen und Einstellungen provozieren?

Die populäre Erzählform des Gleichnisses ist ein zentraler Teil der Verkündigung Jesu und der frühchristlichen Lehre; ihr Generalthema ist die Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft. In Mt 13,51f. konfrontiert der matthäische Jesus seine Anhänger mit einem kurzen Gleichnis, dessen Aussagegehalt bis heute nicht eindeutig geklärt ist: „Habt ihr das alles verstanden? Sie sprachen: Ja. Da sprach er: Darum gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt. Für den Kirchenvater Irenäus von Lyon1 (ca. 135 – 200) war der „Hausvater dieses Gleichnisses der über das Haus seines Vaters regierende Christus und der „Schatz die Bibel des Alten und des Neuen Testaments. Eine solche allegorisierende Deutung, die den Bibeltext als eine Zug um Zug zu entschlüsselnde Allegorie verstand, ihn neu kontextualisierte und mittels Sinnübertragung aus einem neuen bzw. sachfremden Kontext seinen nur für eine informierte Binnengruppe verständlichen semantischen „Mehrwert erhob, prägte die kirchliche Schriftauslegung bis weit in die aufgeklärte Neuzeit. Erst im Kontext der dezidierten Ablehnung einer konfessorisch bestimmten biblizistischen Theologie und eines supranaturalistischen Verständnisses des frühchristlichen Schrifttums durch die liberale Theologie, insbesondere durch die „Religionsgeschichtliche Schule, distanzierten sich deren Protagonisten seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert immer deutlicher von der allegorischen Textinterpretation als einem angemessenen wissenschaftlichen Auslegungsverfahren des Neuen Testaments.
Gleichnisse als Belehrung
Als repräsentativ für die Gleichnisauslegung der liberalen Leben-Jesu-Forschung dieser Epoche kann Adolf Jülichers wegweisende und immer noch lesenswerte Monographie „Die Gleichnisreden Jesu gelten.2 Jülicher und seine wissenschaftlichen Weggefährten waren davon überzeugt, dass die Entstehung und Entwicklung des Christentums grundsätzlich geschichtlich bedingt und mittels der Vernunft erschließbar seien. Diese Überzeugung begründete für ihn ganz im Sinne des positivistischen Historismus die zwingende Notwendigkeit, Jesus aus Nazareth und die ersten Christen als Menschen zu betrachten, die in konkreten geschichtlichen Zusammenhängen vernunftgeleitet handelten und redeten, und zwar genau das, was sie meinten. Dabei schied der Marburger Neutestamentler die allegorischen Reden Jesu gerade aufgrund ihrer „unjesuanischen prinzipiellen Erklärungsbedürftigkeit aus dem von ihm rekonstruierten Bestand „ursprünglicher bzw. „echter Herrenworte aus. Vielmehr ordnete er sowohl das literarische Gestaltungsmittel der Allegorie als auch das Auslegungsverfahren der Allegorese den sekundären literarischen Deutungsbemühungen des nachösterlichen Christentums zu, welches die Gleichnisüberlieferung entweder missverstanden oder verfälscht habe.3 Im Hintergrund dieses Gleichnisverständnisses Jülichers stand ein idealistisch-romantisches Jesusbild, das den Mann aus Nazareth vor allem als vorbildlichen Lehrer und erbaulichen Moralprediger zeichnet, der keine Rätsel aufgeben, sondern verstanden werden wollte, und dessen unmissverständliche religiös-sittliche Botschaft im Aufruf zu einer wahrhaftigen Humanität bestand. Als rhetorisch-argumentative „Meisterwerke enthielten die ursprünglichen Gleichnisse Jesu durchweg unmittelbar einleuchtende Veranschaulichungen sittlicher Ideale wie Güte, Gottesfurcht, Treue, Pflichterfüllung...

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