5. – 6. Schuljahr

Katharina C. Schäfer und Simon-Martin Schäfer

Um Mitternacht klingeln? Unverschämt!

Das Gleichnis von den bittenden Freunden (Lk 11,5-13)

Angenommen, du klingelst nachts bei deinem Freund und bittest ihn, dir etwas zu essen zu leihen. Was passiert? Auf Grundlage der Schülererfahrungen wird das (auch für christlich stark geprägte Kinder eher unbekannte) Gleichnis vom bittenden Freund (Lk 11,5-13) gestaltpädagogisch erarbeitet. Die Freundschaft wird dabei auf einen Prüfstand für gelingendes Miteinander gestellt und trägt. Insofern beschreibt das Gleichnis Jesu Sichtweise auf die Menschen und im übertragenen Sinn auf Gott. Jene Perspektive rückt das Gebet, im Speziellen: das Bittgebet, als Form der Hinwendung des Menschen zu Gott in den Fokus.

Didaktisch-theologische Einführung
Der Kontext unseres Gleichnisses innerhalb des Lukasevangeliums ist die ‚große Einschaltung (Lk 9,51-18,4).1 Innerhalb dieses Abschnitts verarbeitet Lukas zahlreiches Sondergut, zu dem auch ‚Der bittende Freund (11,5-8) gehört. Etwa in der Mitte des Evangeliums findet sich der ‚Gebetskatechismus (11,1-13; vgl. 18,1-8), was die Bedeutung unseres Abschnitts für das Thema Gebet nach Lukas zeigt. Im Erzählverlauf des Evangeliums befindet sich Jesus nun auf dem Weg nach Jerusalem. Er betet und wird von den Jüngerinnen und Jüngern aufgefordert, sie beten zu lehren (11,1). Es folgt das ‚Vater Unser in lukanischer Version (V. 2-4; vgl. Mt 6,9-13).
Im Anschluss daran erzählt Jesus das Gleichnis vom bittenden Freund (V. 5-8). Er eröffnet es mit einer Frage. „Wer unter euch ? (V. 5, vgl. V. 13) ist jedoch weniger eine rhetorische Frage nach einem Personenkreis als nach der Sache. Luthers Interpretament trifft dies: „Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm …“ Mit dieser Formulierung und den folgenden Futur- bzw. Konjunktivformen fordert Jesus seine Jünger zu einem Gedankenspiel heraus: ‚Was würdet ihr tun?. Seine Aufforderung: ‚Versetzt euch in die Lage eures Freundes, den ihr um Mitternacht aufsucht und um drei Brote bittet (V. 6)! Denn überraschend habt ihr Besuch bekommen und nicht genügend Lebensmittel im Haus, um jenen angemessen zu verköstigen. Der von euch gebetene Freund könnte die Hilfe mit guten Gründen verweigern. Die Türen der meist einräumigen Häuser dieser Zeit sind mit einem Balken oder Metallstab verschlossen. Diese zu öffnen, gelingt nur mit Lärm, sodass die schlafenden Kinder geweckt würden (V. 7). Die Hörer/innen des Gleichnisses sollen nun ihre eigene Lösung entwickeln. Die bereits im Bibeltext angelegte Methode findet in der vorliegenden Unterrichtseinheit ihren Widerhall in einem Gedankenexperiment als elementarer Lernform in der ersten Doppelstunde.2 Dabei wird das Gedankenexperiment nicht nur kognitiv nachvollzogen, sondern mittels Steinsoziogramm aus der Gestaltpädagogik erarbeitet.3 Es soll mit Konzentration auf eine personenzentrierte Grundhaltung allen Dimensionen des Menschseins, dem Denken, Fühlen und Handeln Raum gegeben werden.4
Das Gedankenexperiment wird zunächst ohne den Kommentar Jesu durchgeführt (V. 8), dieser dann aber später ergänzt. Der Geweckte entspricht letztlich der Bitte seines Freundes. Sollte seine Hilfe nicht in der Freundschaft begründet sein, dann doch in seiner ‚Unverschämtheit (anaideia). Die genaue Bedeutung und der Bezug der griechischen Formulierung sind hier nicht eindeutig. Die Konnotation ist eher negativ, also i.S.v. ‚Rücksichtslosigkeit. Die Phrase ist wohl so zu verstehen, dass der Bittende sein eigenes Ansehen aufs Spiel setzt, um sein Anliegen bzw. das seines unerwarteten Gastes erfüllt zu bekommen.
Die zweite Doppelstunde widmet sich vertiefend diesem Dreiecksverhältnis der Freunde, das im Gleichnis beschrieben wird. Auch wenn die freilich nachträglich eingefügte Überschrift von einem Bittenden spricht, fällt doch auf, dass es sich eigentlich um zwei bittende Freunde handelt: Der in der...

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